Die Finanzierung von Startups verlangt neue Lösungsansätze

Startups werden vermehrt zum Innovationsmotor unserer Volkswirtschaften. Das erfordert aber mehr als politische Lippenbekenntnisse. Damit ein Startup für unsere Volkswirtschaften sein Potenzial entfalten kann, bedarf es neuer flexibler Finanzierungslösungen. Sonst warten nur außereuropäische Käufer auf ihre Chance.

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Gründer haben oftmals gute Ideen. Nicht immer sind es die jungen Wilden, die das nächste Unicorn auf die Welt bringen wollen. Immer häufiger trifft man in der Finanzierungspraxis auch auf Teams aus gestandenen Managern, die ein junges Unternehmen gründen wollen. Sie sind in ihrer Berufspraxis auf eine Problemlösung gestoßen, die für klassische Industrien sehr wertvoll sein könnte. Obgleich der Idee nicht der nötige Realitätssinn fehlt, brauchen sie eine entsprechende Finanzierung. Die Entwicklung muss erst zum Prototypen oder einer Pilotanlage geführt werden. Spätestens dann muss die Markttestung erfolgen. Bis all das erfolgreich sein wird, wird zunächst einmal viel Geld „verbrannt“. Aber danach geht es finanziell erst richtig los.

Die ersten Schritte ließen sich bestenfalls finanzieren. Wenn Manager aus ihren Ersparnissen einige hunderttausend Euro Eigenmittel aufbringen können, lassen sich diese Mittel durch öffentliche Förderungen aufstocken. Auch staatliches Gründerkapital steht anfänglich zur Verfügung. Aber Venture Capital ist in dieser Frühphase schwer zu finden. Das Unternehmen hat ja noch keine „Traction“, es erzielt noch keine Umsätze. Seed-Financing ist selten das Spielfeld, auf dem sich institutionelle Investoren bewegen. Das wäre anders, wenn ein industrieller Partner mit an Bord wäre. Aber der will wiederum zumeist eine Mehrheit. Für Manager, die Unternehmer werden wollen und ihre bisherige Karriere aufgeben, ist das selten eine befriedigende Option. Hat das Unternehmen erst einmal den Proof of Concept geschafft und erzielt Umsätze, dann wäre alles vielleicht kein Problem. Aber wer springt gerne ins kalte Wasser und bricht seine Brücken hinter sich ab, wenn jedes Scheitern gleichzeitig den sozialen Tod des Unternehmers bedeutet? Eine verkorkste europäische Geschäftskultur lässt grüßen!

Wir wollen gründen. Wo kommt das Geld her?

Zwei Manager, rund fünfundvierzig Jahre alt, kommen aus der Dentalbranche und wollen ein neues Unternehmen gründen. Lange haben sie sich den Kopf über eine CAD/CAM-Technologie für Zahnärzte zerbrochen. Den Kiefer des Patienten elektronisch in der Praxis auszumessen und über einen spezialisierten 3D-Drucker sofort einen Zahnersatz anzufertigen, würde die Dentallabore in Teilbereichen arbeitslos machen. Ihre Arbeitgeber haben aber genau diese Dentallabore als ihre Kunden. Und die wollen sie nicht verärgern. Die Geschäftsidee ist überzeugend, allerdings erfordert die Marktreife eines passenden Produktes und die Implementierung einer Service- und Vertriebslogistik Geld und Zeit. Obwohl die beiden bereits seit zwei Jahren eine Lösung ausgetüftelt haben und bereit sind, jeweils ein Jahresbruttogehalt einzusetzen, wagen sie es nicht, ein Unternehmen mit der erforderlichen Mitarbeiterzahl aufzubauen, da dies massiv ihre finanziellen Möglichkeiten übersteigt. Und sie wollen auch das Unternehmen während der nächsten 20 Jahre richtig aufbauen und federführend weiterentwickeln. Nicht das schnelle Geld durch einen baldigen Verkauf des Unternehmens ist für sie entscheidend. Sie wollen etwas schaffen, wofür es einen echten Bedarf gibt. Sie sind nach vielen Recherchen und privat finanzierter technischer Entwicklung überzeugt, dass dies lösbar ist. Beide wollen auch als maßgebliche Gesellschafter an Bord bleiben. Dass sie den Erfolg teilen müssen, ist ihnen klar. Sie verstehen die Spielregeln des Geschäfts und sind durch die Schule einer Managerkarriere gegangen. Sie sind Realisten und haben Bodenhaftung. Dennoch finden sie keine Lösung. Klingt das alles nicht bekannt?

Das klassische Startup-Unternehmen wird heute zu eng definiert

Als Startups bezeichnet man heute typischerweise Unternehmensgründungen mit einer innovativen Geschäftsidee und hohem Wachstumspotenzial. Wer ein neues Restaurant eröffnet, gilt stattdessen als Existenzgründer, nicht als Startup. Soweit, so gut. Startups haben entweder ein neues Geschäftsmodell, ein neues Produkt oder adressieren einen neuen Markt. Kommt alles zusammen, dann ist das Risiko besonders groß. Über klassische Finanzierungsschienen wie beispielsweise Geschäftsbanken ist ein derartiges Unterfangen nicht finanzierbar.

Förderbanken kommen ebenso ins Spiel wie Business Angels oder Crowdfunding/Crowdinvesting-Plattformen. Letztere interessieren sich eher dann dafür, wenn es sich um ein B2C-Geschäftsmodell handelt. Denn ein solches ist leichter emotionalisierbar und spricht eher den Retail-Investor an. Oder das Produkt ist in einem gehypten Umfeld angesiedelt. Dann geht vieles. Ist das nicht der Fall, dann gestaltet sich alles viel schwieriger. Für unsere beiden Manager aus der Dentalbranche ist das ein echtes Problem.

Wie finanziert man Innovationen in klassischen Branchen?

Wikipedia beschreibt die Zielbranchen von Startup-Unternehmen wie folgt: „Obwohl als Startup im Prinzip Unternehmen aller Branchen bezeichnet werden können, welche die Kriterien Innovation und Skalierbarkeit erfüllen, sind in der Praxis die meisten Startups im Technologie- und Internetsektor tätig. Typische Branchen sind der elektronische Handel, Anwendungssoftware, Finanztechnologie, Biotechnologie, Nanotechnologie, neue Fertigungsverfahren, Industrie 4.0 oder Luft- und Raumfahrttechnik. Mitunter verändern Startups ganze Geschäftszweige und -modelle, was auch als Disruption bezeichnet wird.“

Wir folgen weiter Wikipedia: „Oft haben die Gründer und Investoren eines Startups die Absicht, das Unternehmen nach wenigen Jahren auf dem freien Markt anzubieten, entweder einem etablierten Unternehmen durch Beteiligung oder Übernahme, oder vielen Aktionären durch einen Börsengang.“

Diese Absicht kommt nicht von ungefähr. Steigen institutionelle Investoren in ein derartiges Unternehmen ein, so realisieren sie ihre Rendite, indem sie zumeist das gesamte Unternehmen veräußern. Klassische Klauseln in derartigen Beteiligungsverträgen sehen einen entsprechenden Mechanismus vor. Derartige Veräußerungen erfolgen in der Regel nach vier bis sechs Jahren. Während dieser Zeit hat ein Startup sein Potenzial aber in der Regel bei Weitem nicht erreicht.

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Haben Gründer wie unsere beiden Dentalmanager also eine andere Lebensplanung oder steht nicht der Kapitalgewinn im Vordergrund, dann stellt der Exitzwang nur eine Krücke dar, aber keine wirklich erfreuliche Perspektive. Es stellt sich also die Frage, wie ein Startup finanziert werden kann, wenn nicht der Exit im Vordergrund steht. Hier könnten neue Modelle von Finanzierungsplattformen eine Rolle spielen, die ein Unternehmen über mehrere Finanzierungsrunden hinweg ohne Exit-Zwang für die Gründer während des gesamten Lebenszyklus eines Unternehmens begleiten. Denn sie könnten demnächst Defizite in der heimischen Kapitalmarktkultur zumindest teilweise kompensieren.

Vom Startup zur Mittelstandsfinanzierung aus einer Hand

Crowdfunding  hat in der jüngeren Vergangenheit eine gewisse Rolle bei der Finanzierung einer Vielzahl von Projekten gespielt. Die Mittelaufbringung war hingegen kaum von kommerziellen Interessen der „Sponsoren“ getragen. Daher eignen sich nur spezielle, oft auch nicht profitorientierte Projekte wirklich dafür. Eine Weiterentwicklung stellt Crowdinvesting dar, wo der Aspekt des Geldverdienens für die Zeichner von Finanzinstrumenten bereits in den Vordergrund tritt. Aber auch hier war die Mittelaufbringung gesamtwirtschaftlich betrachtet in der DACH-Region bescheiden. Gelingt es allerdings, diese Mittel mit Hilfe von öffentlichen Förderungen substanziell zu erhöhen, so kann das für den Start ausreichen. Dennoch stellt sich für gestandene Gründer aus etablierten Branchen die Frage, wie es danach weitergeht. Ist wiederum der Exit angesagt, wenn sich die ersten Erfolge zeigen?

Hier kommen nun neu entstehende Finanzierungshäuser ins Spiel, die mehr als nur einen Investorenkreis gleichzeitig oder auch zeitlich versetzt ansprechen können. Die Kombination verschiedener Finanzierungsinstrumente bei gleichzeitiger Ansprache verschiedener Investorentypen ist relativ neu. Man spricht in diesem Zusammenhang von „Dual Track“ oder auch „Multi Track“ und meint damit eine Kombination von Eigenkapital- und/oder Fremdkapitalinstrumenten bei gleichzeitiger oder zeitlich versetzter Nutzung unterschiedlicher Vertriebskanäle. So können einerseits Retail-Investoren gewonnen und gleichzeitig Family-Offices oder strategische Partner ins Boot geholt werden. Für unsere Dentalmanager wäre das eine perfekte Perspektive.

Für den Retail-Investor ist die Beteiligung von „Schwergewichten“ ein gewichtiger Proof-of-Concept, ist er doch beim klassischen Crowdinvesting zumeist auf vage Hoffnungen verwiesen. „Schwergewichte“ nehmen eine effektive Due-Dilligence-Prüfung vor, was die Erfolgsaussichten bei einem Investment nachhaltig erhöht. Auch während der Laufzeit des Investments ist eine wesentlich effektivere Begleitung des Unternehmens die Regel. Mehrere „Schwergewichte“ hingegen tragen nur einen kleinen Teil der Finanzierungslast und brauchen daher keine Kontrollmehrheit. Dennoch begleiten sie das Investment quasi „erste Reihe fußfrei“ und finden sich später aufgrund ihres Informationsvorsprungs in einer bevorzugten Situation, wenn zukünftige Weichenstellungen vorgenommen werden. Das zu finanzierende Unternehmen vereint die Vorteile einer Crowdinvesting-Kampagne (Marketing, Feedback etc.) mit dem Komfort von „tiefen Taschen“ und „qualitativ hochwertigem Netzwerk“, ohne die Kontrolle über das Unternehmen abzugeben.

Nur wenige Plattformen sind in der Lage, ein derartiges Konzept wirklich anzubieten

Plattformen bilden das Herzstück der modernen Digitalökonomie. Sie leben davon, hochgradig automatisiert Netzwerkeffekte zu erzeugen und Interaktionen zwischen Plattformnutzern zu ermöglichen. Maßgeschneiderte Finanzierungslösungen, die den oben dargestellten Nutzen erzeugen, lassen sich hingegen auf diese Weise kaum erreichen. Es bedarf dazu sowohl eines Onlineansatzes, als auch eines Dienstleistungsansatzes. Dies widerspricht zumeist den ökonomischen Zielsetzungen der Plattformbetreiber, möglichst schnell eine möglichst hohe Skalierung zu erreichen. Daher sind, entgegen den vollmundigen Werbeaussagen, im deutschsprachigen Raum kaum Plattformen zu finden, die Maßanzüge anstelle von Konfektionsware anbieten.

Ich kam kürzlich mit einer neuen Finanzierungsplattform in Berührung, die sich von ihrem Geschäftsmodell dem Prinzip des „Maßanzuges“ verschrieben hat. Die in Liechtenstein und Österreich domizilierte Plattform area2invest hat sich zum Ziel gesetzt, einen entsprechenden „Multi Track“ zu ermöglichen. Deren Geschäftsmodell sieht vor, über Crowdinvesting, Privatplatzierungen, öffentliche Platzierungen und Verbriefungen im Bereich von Equity- und Debtfinanzierungen ein Rundum-Sorglos-Paket für Startups und mittelständische Unternehmen zu schnüren. Es wird interessant sein, wie es den Betreibern gelingen wird, diesen spannenden Ansatz in die Tat umzusetzen. Während einerseits die Plattformökonomie zum Tragen kommt, steht andererseits klassisches Fundraising für Kunden und ein umfassendes Serviceangebot auf der Tagesordnung. Um hier auch betriebswirtschaftlich erfolgreich sein zu können, bedarf es eines neuartigen und ausgeklügelten Geschäftsmodells. Schnell reich werden die Betreiber wahrscheinlich nicht werden, dafür aber verfügen sie über ausgeprägte Alleinstellungsmerkmale und ein nachhaltiges Geschäftsmodell.

Die Politik ist gefordert, endlich notwendige Rahmenbedingungen zu schaffen

Als ehemaliger Banker und nunmehr langjähriger Unternehmer im Private-Equity- und Venture-Capital-Bereich habe ich Folgendes oft erlebt: Ein Startup – beispielsweise im Bereich Medtech – schafft die ersten Hürden. Unsere Dentalmanager hätten damit aber bisher persönlich alles riskiert und nur einen kleinen Teil des Weges zurückgelegt. Dafür sind die Rahmenbedingungen – insbesondere auch die Förderlandschaft – durchaus gut entwickelt. Nach der Seed-Phase finden sich auch mehrere Venture Capital Gesellschaften, die das Unternehmen gemeinsam begleiten. Fast alle heimischen Fonds sind aber von ihrer Finanzierungskraft nicht in der Lage, aufwändige Studien und Zulassungsverfahren über den erforderlichen Entwicklungszeitraum eines Produktes zu unterstützen. Wenn sich dann aber keine Anschlussfinanzierung durch heimische Investoren findet, bleibt den Unternehmern nichts Anderes übrig, als zukünftige Produkte exklusiv in Lizenz zu vergeben oder das Unternehmen zu verkaufen. Und hier sind es oft transatlantische oder asiatische Investoren, die das Rennen machen. Heimischer Forschergeist und europäische Innovationskraft werden mit Hilfe öffentlicher Förderungen bis zu einem gewissen Entwicklungsstand getrieben, um dann für die hiesigen Volkswirtschaften verloren zu gehen.

Alle politischen Ankündigungen, hier Akzente zu setzen, bleiben Lippenbekenntnisse, solange wir nach dem Motto leben: „Kleckern statt Klotzen“. Solange keine kapitalmarktorientierte geschlossene Finanzierungskette besteht, wird der Verkauf exzellenter Unternehmen, die mit heimischen Ressourcen bis zu einem gewissen Grad entwickelt wurden, munter weitergehen (müssen). Und die geringe Bereitschaft unserer akademischen Elite, ein Unternehmerdasein zu wählen, darf uns nicht verwundern. Nicht nur eine strategisch orientierte Industriepolitik, sondern auch eine korrespondierende Technologiepolitik wären gefragt. Global führende Eliteuniversitäten sollten für Europa eine Selbstverständlichkeit sein. Ein funktionierender Kapitalmarkt ebenso. Nur die Briten haben bisher diese infrastrukturellen Voraussetzungen für ihre Wirtschaft geschaffen. Das übrige Europa war dazu bislang nicht in der Lage. Daher muss bisher jeder, der etwas unternehmen will, sehen wo er bleibt. So könnte es auch unseren beiden Managern aus der Dentalbranche ergehen. Derzeit bleiben leider viele wertvolle Projekte angesichts schlechter Rahmenbedingungen im Ideenstadium stecken.

 

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4 Kommentare, seien Sie der Nächste!

  1. Herr Dr. Pöttinger,

    meinen Respekt für diesen Artikel! Die dargestellten Informationen weisen mir einen Weg durch das Gebiet der neuen Finanzierungsformen!

    Grüße
    Erna Winter

    1. Sehr geehrte Frau Winter,

      es freut mich, dass Sie meinen Artikel nutzen können! Das Thema wird uns weiterhin begleiten, deshalb empfehle ich Ihnen, um informiert zu bleiben, ein Abonnement meines monatlich erscheinenden Newsletters.

      Mit freundlichen Grüßen
      Dr. Harald Pöttinger

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